Mein Jahr in Südafrika 07/08

von Tobias Szarkowicz

August 2007, nach einem Jahr Bewerbung und Papierkriege war es endlich soweit! Ich flog mit einigen anderen Deutschen zunächst in ein Orientationscamp nach Johannesburg um dann später weiter in die Provinz Limpopo nach Mokopane/Potgietersrus zu fliegen. Ich lebte in einem kleinen Dorf nah an der Grenze zu Simbabwe und des Krüger Nationalparks im Norden von Südafrika. Meine 4-köpfige schwarze Gastfamilie lebte in einem sehr kleinen Häuschen indem ich mein Zimmer und mein Bett mit meinem Gastbruder teilte. Die Hütte lag am Rande der Stadt, also direkt am Busch, wo man gelegentlich Affen und Camelions die Straße überqueren sah.

Meine schwarze Gastfamilie redete fast immer nur Sepedi, was eine von elf offiziell anerkannten Amtssprachen von Südafrika ist, kochte „afrikanisch“ und deren Hobby war es fern zu sehen. Die schwarzafrikanische Küche besteht aus weißem „Pap“ der die Kosestenz von hart gewordenem Kartoffelbrei hatte und nach Wasser schmeckte und dazu gab es gekochte Hühnerschenkel. Dieses Gericht wurde dann einmal in der Woche gekocht und die ganze Woche über gegessen wobei es gelegentlich Reis gab.

Die Schule, die mir von meiner Organisation zugeteilt wurde, war das komplette Gegenteil von einer „highschoolexperience“.

Drogenhandel und Konsum sowie brutale Gewalt der Lehrkräfte standen dort an der Tagesordnung und obwohl wir Austauschschüler dort nie angerührt wurden, konnten wir die zeit dort nicht wirklich genießen.

Da Ich auch der einzige Weiße in meinem Wohnviertel war, war ich ein leichtes Ziel für Diebe und wurde trotz jeglicher Vorsichtsmaßnahmen insgesamt fünf Mal überfallen, in den Busch gezerrt, gewürgt und ausgeraubt.

Die Situation mit meiner Gastmutter spitzte sich immer weiter zu, als sie mehr und mehr Geld von mir verlangte und trotz vieler Appelle an meine Austauschorganisation „into-exchange“ oder deren südafrikanische Partnerorganisation „world study group“, die die Schuld alleine bei mir suchten und meinten ich solle mich „nicht so anstellen“ verschlimmerte sich die Situation, bis ich selber die Initiative ergreifen und mir selbst eine neue Gastfamilie suchen musste. Als die Situation schließlich eskalierte, organisierte Ich mir eine indische Übergangsfamilie, bis ich selbstständige Suche schließlich bei einer netten weißen englisch-südafrikanischen Familie Obdach fand, die mich spontan und sehr liebevoll aufnahmen.

Mein Gastvater hat selbst deutsche Wurzeln, sodass ich ihm etwas beim Deutschlernen half und dafür zeigten sie mir ihr wunderschönes Land. Ich war in Kapstadt am Tafelberg, im indischen Ozean in Durban, auf Safari im Krüger Nationalpark und feierte meinen 18. Geburtstag mit meinen freunden auf einem privaten Wildreservat an der Grenze zu Botswana zwischen Büffeln und Antilopen.

Meine neue Gastfamilie setzte sich auch sehr dafür ein, dass ich die Schule wechseln konnte und so besuchte ich zum Großteil meiner Zeit in Südafrika die „Hoërskool Piet Potgieter“. Da es dort nur Klassen in Afrikaans gab, was ein Dialekt des Niederländischen ist, lernte ich diese Sprache ziemlich zügig. Ich genoss den Alltag in Schuluniform, beim Morgenappell und besonders freitags, wo sich die ganze Schule in Reih und Glied versammelte um das Schullied und die afrikaanssprachige Strophe der südafrikanischen Nationalhymne zu singen. Somit entwickelte man eine ganz neue Schulidentität und diese kam besonders hervor, als es im Sommer zu den „inter hoër atletik“ (vgl. Leichtathletikmeisterschaft) zwischen meiner Schule und fünf anderen aus der Provinz kam und man zusammen mit den „dirighentes“ (vgl Cheerleaders) die Mannschaft der eigenen Schule anfeuerte.

Ich lernte die südafrikanische Offenheit und den Zusammenhalt zu lieben, denn obwohl die Häuser aufgrund der Kriminalität aussehen müssen wie Hochsicherheitsgefängnisse, wurde man als deutscher Ausländer immer herzlich empfangen.

Südafrika ist meiner Erfahrung und Meinung nach das schönste Land der Erde, jedoch auch voller Korruption, Leid, Gewalt, Kriminalität und Rassismus auf beiden Seiten, weshalb ich es leider nicht als Ziel eines „Highschool“-Austauschjahres weiterempfehlen würde.

Jedoch halte ich das Projekt Austauschjahr für eines der wertvollsten Sachen, die man als junger Heranwachsender machen kann. Letztendlich war es das anstrengendste und ereignisreichste Jahr in meinem Leben und obwohl ich keinem die Erfahrungen wünsche, die ich zu Anfang machen musste, würde ich es Jedem raten die Chance in jungen Jahren die Welt kennenzulernen zu nutzen. Man kommt dabei in Situationen in denen man Fähigkeiten an sich kennen lernt, die man vorher nie für möglich gehalten hat, lernt über sich hinauszuwachsen, erweitert seinen Horizont ungemein und kehrt als selbstbewusste, starke Persönlichkeit wieder.

Tobias Szarkowicz

22.01.2009