Mein High-School Aufenthalt in Golden BC 2008/2009
von Thomas Austermann
Kurz vor Beginn der Sommerferien 2008 habe ich mich entschlossen, mich bei GIVE für einen fünfmonatigen High-School Aufenthalt in Golden B.C:/Kanada zu bewerben. Obwohl dies sehr kurzfristig war, hat alles gut geklappt. Für die Kleinstadt Golden in den Rocky Mountains habe ich mich erst nach einigem Suchen entschieden, da ich weder in einer Großstadt noch ganz abgeschieden von jedem Ort leben wollte. Ich wollte auch nicht mit vielen anderen deutschen Schülern an einer Schule sein und zog deshalb eine eher kleine Schule vor. Außerdem bin ich ein begeisterter Skifahrer und bei Golden liegt das Skigebiet „Kicking Horse“. Die Aufnahmebestätigung des Schuldistriktes bekam ich sehr schnell. Meine Gastfamilie stand erst kurz vor meiner Abreise fest. Ich habe sie gleich angerufen. Aber nach dem Gespräch hatte ich ein mulmiges Gefühl, weil ich einfach so aufgeregt war, dass mir nichts mehr einfiel. Wir haben uns dann noch einmal E-Mails geschrieben, die mich dann beruhigt haben.
Irgendwann kam dann auch mein Abflugtag und ich musste mich von meiner Familie hier in Deutschland verabschieden. Das war ein ziemlich komisches Gefühl, auch wenn die Aufregung das meiste überdeckte. Der Flug war trotz jeder Menge Filme ziemlich lang. Ich musste von Frankfurt nach Vancouver und von Vancouver nach Cranbrook fliegen.
Als ich dann ohne mein Gepäck in Cranbrook ankam, freute ich mich schon darauf, meine Gastfamilie endlich persönlich kennen zu lernen. Ich stand im Terminal in Cranbrook und schaute mich um, ob ich sie erkennen würde, denn ich hatte ein Foto zugeschickt bekommen, als ich plötzlich von Mr. Graham Abbott angesprochen wurde, dem für die Austauschprogramme zuständigen Mitarbeiter des Schuldistriktes. Ich musste mich noch einen Tag gedulden und habe diesen bei seiner Familie in Kimberly bei Cranbrook verbracht, die mich sehr nett aufnahm. Wir mussten auch noch zweimal zum Flughafen fahren, weil wir gehofft hatten, dass mein Gepäck mit einem der nächsten Flüge ankommen würde. Leider wurde ich enttäuscht. Es wurde erst zwei Tage später mit dem Bus nach Golden befördert.
Am nächsten Tag wurde ich dann nach Golden gebracht. Erst am späten Abend erreichten wir Golden, und ich lernte meine Gastfamilie kennen. Das heißt eigentlich erst einmal nur meine Gastmutter, Diane, die mich sehr freundlich empfangen hat. Ich war allerdings so müde, dass ich direkt ins Bett gegangen bin.
Meine Gastfamilie war total super. Immer war irgendetwas los, was auch an den Tätigkeiten meiner Gastmutter lag: Sie ist Tagesmutter mehrerer Kinder in ihrem Haus, hat ein Massagestudio, ist Betreuerin an der Grundschule und arbeitet mit einem behinderten jungen Mann. Wenn meine kleine Gastschwester mich nicht gerade „ärgerte“, spielte sie entweder mit dem Hund, den drei Katzen oder den drei Mäusen. Auch ihren Fisch, den sie irgendwann einmal aus dem Fluss gefischt hatte, pflegte sie mit großer Hingabe. Von meiner älteren Gastschwester habe ich am Anfang gar nicht so viel mitbekommen, weil sie häufig gearbeitet hat. Sie hatte wie viele kanadische Mitschüler einen Job bei „Subway“ am Highway.
Die Schule war wirklich klein, nur knapp 400 Schüler. Der stellvertretende Schulleiter, Mr. Dolgopol, zeigte uns Austauschschülern schon vor dem eigentlichen Schulbeginn einmal die ganze Schule. Auch r wies er uns für den ersten Schultag einheimische Schüler und Schülerinnen zu, die uns helfen sollten, uns zurechtzufinden. So konnten wir schnell erste Kontakte knüpfen.
Dennoch empfand ich es als ziemlich schwierig, Freunde zu finden, denn die kanadischen Mitschüler zeigten wenig Interesse, überhaupt einmal mit uns ins Gespräch zu kommen. Sie waren ziemlich fest in ihren Gruppen verankert. Und es war schwer, in eine dieser Gruppen hineinzukommen.
Deshalb war ich jetzt froh, dass außer mir noch vier weitere Deutsche, ein Franzose und sechs Asiaten an der „Golden Secondary School“, waren. Mit ihnen habe ich besonders in der ersten Zeit viel gemeinsam unternommen.
Meine Unterrichtsfächer waren French, English, Math , Social Studies , Outdoor Education, PE (Sport) und Science . Viel von dem Unterrichtsstoff kannte ich schon aus Deutschland, so dass ich gut mitkam.
Am liebsten mochte ich das Fach Outdoor Education, weil wir darin vieles gemacht haben, was ich so aus Deutschland nicht kannte: zum Beispiel eine 5-Tage-Rucksackwanderung im Herbst. Wir mussten Zelte, Schlafsäcke, Verpflegung, Trekkingkleidung selbst organisieren und alles i m Rucksack transportieren. Das war eines der größten Erlebnisse während der ganzen Zeit in Kanada. Wir hatten dabei auch Glück mit dem Wetter, vier Tage Sonnenschein. Die Gruppe war sehr nett und wir wanderten durch eine faszinierende Landschaft. Im Winter haben wir in Outdoor Ed mit unserem Lehrer (Mr. Freebairn, aber wir nannten ihn einfach „Tommy“ oder „Freebs“) neben Skilanglauf auch noch Schneeschuhwanderungen gemacht.
Das Schulleben empfand ich im Vergleich zu Deutschland als entspannter: Es gab nicht nur Unterricht sondern zum Beispiel auch jeden Freitag eine „Talentshow“, bei der Schüler und Schülerinnen ein Gesangsstück oder ein Klavierstück vortragen konnten, was auch von vielen Schülern wahrgenommen wurde.
An den Wochenenden machte meine Gastfamilie öfter mit mir einen Ausflug in die nähere Umgebung aber auch nach Calgary, der nächsten Stadt mit üb er 10 000 Einwohnern. Dorthin fahren die Bewohner von Golden hauptsächlich zum Einkaufen, da es hier trotz einer kleinen Einkaufsstraße nicht so viel gab. Meine Gastmutter fuhr sehr vorsichtig und wir haben für einen Weg dorthin etwa drei Stunden gebraucht. .
Da Golden ein sehr ruhiger Ort ist, hatte ich, solange das Skigebiet noch nicht geöffnet war, meistens nicht so viel zu tun: Außer die Schule zu besuchen, einmal in der Woche in der Gastfamilie mitzuhelfen, das Haus aufzuräumen oder den Rasen zu mähen, hatte ich viel Freizeit. Unsere örtliche Betreuerin des Schuldistriktes, mit der wir uns regelmäßig trafen, organisierte für uns Austauschschüler öfter gemeinsame Unternehmungen: Barbecues, einen Ausflug nach Calgary oder sportliche Aktivitäten in der Schulturnhalle, z.B. Hockey oder Basketball.
Aber als dann endlich die Skisaison eröffnet war, war ich immer, wenn ich Zeit hatte, auf dem Berg. Auch wenn es schon mal minus 35 Grad kalt war. Bei solchen Temperaturen konnte man dann nur eine Abfahrt mache. Danach musste man sich erst einmal wieder für eine halbe Stunde in der Daylogde aufwärmen.
Natürlich hatte ich auch manchmal Heimweh. Dann habe ich versucht, mich mit einem Film oder einem Spaziergang abzulenken. Durch die Spaziergänge habe ich Golden und seine Umgebung schnell kennengelernt. An Weihnachten wurde das Heimweh noch einmal stärker. Es gab nicht nur einen Feiertag, meine kanadische Gastfamilie feierte Weihnachten auch ganz anders als ich es von zu Hause kenne. Vielleicht hatte das Weihnachtsfest für sie auch eine andere Bedeutung. Meine Gastmutter hatte mich jedoch über die deutschen Gebräuche befragt und in der Adventszeit auch Kerzen auf den Tisch und einen Weihnachtsbaum aufgestellt. Weihnachten war dann eigentlich ein ganz normaler Tag mit dem Unterschied, dass morgens Geschenke ausgepackt wurden und es abends einen Truthahn gab. Unser deutsches Weihnachten habe ich mehr vermisst, als ich es erwartet habe. Den Silvesterabend habe ich dann mit Freunden am Lagerfeuer verbracht.
Der Januar ging dann auch noch ziemlich schnell vorbei. Ich habe jede Möglichkeit, Ski zu fahren, voll ausgenutzt. Es war toll. Die Kanadier fahren hauptsächlich Tiefschnee, was in dem Pulverschnee, den es dort gab, ein einmaliges Erlebnis war,
In der letzten Woche vor meiner Abreise hatte ich schulfrei, da die kanadischen Schüler Prüfungen hatten. Obwohl ich jeden Tag auf dem „Skihügel“ war, freute ich mich vom Montag bis zum Donnerstag auf zu Hause. Aber am Freitag, meinem letzten Tag in Golden, wollte ich nicht mehr weg.
Die Rückreise begann wieder mit der Fahrt nach Kimberly zu Grahams Haus, wo ich noch ein letztes Mal übernachten musste. Am nächsten Morgen hat er mich dann auch zum Flughafen gebracht, und mir alles Gute gewünscht hat. Nachdem ich in Vancouver gelandet war, musste ich zu einem anderen Terminal, was aber dank der guten Beschilderung nicht sonderlich schwierig war. Der Rückflug war ziemlich langweilig, da nur 2 Filme liefen (wir hatten keine „Inseat-Screens“) und das Radioprogramm auch nicht so spannend war. Also war ich froh, als ich endlich in Frankfurt gelandet war, wo mich schon ein Teil der Familie erwartete.
Jetzt bin ich schon seit fast zwei Wochen wieder hier in Deutschland und fühle mich wieder zu Hause, auch wenn ich manchmal noch ein bisschen das Leben in Kanada vermisse.
Thomas Austermann, 17
