Neuseeland - Das Land der weißen Wolke
von Antonia Marie Sureth
Mein Jahr in Neuseeland war unbeschreiblich, voller eindrucksvoller Erlebnisse, und Erfahrungen: Gute sowie Schlechte, anderer Kulturen und besonders ein Jahr voller neuen Begegnungen.
„Was war das Beste in Neuseeland?“, „Was ist die eine tolle Sache, die du besonders betonen möchtest?“ „Was hat dich am meisten verändert?“, „Was war das Verrückteste, was du erlebt hast?“, „Was war das Eindrucksvollste?“, „Was war das, was du am meisten genossen hast?“ Fragen über Fragen, die mir, wie wohl jedem Rückkehrer, gestellt werden, sobald ich wieder den deutschen Boden betrat. Aber all das ist nicht so einfach zu beantworten, wie man sich das vorstellt. Ein ganzes Jahr auf der anderen Seite der Welt zu leben, ist nicht in zwei oder drei Sätze zu komprimieren. Das Jahr als Ganzes war unbeschreiblich. Jeder einzelne Tag mit seinen Hürden, Herausforderungen, mit seinen Überraschungen und seiner Vielfalt.
Jeder Schultag, jede lustige Situation, jedes Gespräch, jeder Baum, jeder Mensch, jeder Lehrer, einfach alles! - Das macht Neuseeland für mich aus. Ich hab so viel erlebt und so viel gesehen, was mir als Mensch ermöglicht hat, die Welt und vor all Dingen auch mich selbst mit ganz anderen Augen und aus einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen.
„Ist es denn wirklich so anders da drüben?“ - Ja das ist es. Es ist wirklich so anders.
Auf meinen Flug folgte ein einwöchiges Einführungsseminar in Wellington. In einer Gruppe deutscher Schüler, die an ganz unterschiedlichen Orten in Neuseeland einige Monate verbringen wollten, machte ich meine ersten Erfahrungen mit der neuseeländischen Kultur. Diese Tage haben mir meinen Einstieg sehr erleichtert. Dann ging es für mich alleine nach Hawkes Bay weiter. Meine Gastfamilie hat mich herzlich am Flughafen mit dem Worten „Kia Ora (Maori und heißt frei übersetzt: „Hallo“) empfangen und mir mein zukünftiges „Zuhause“ gezeigt. Sie wohnten in einem kleinen Ort mit vielen Obstplantagen und Weinbergen, der zudem bekannt ist für die schönen Strände und das tolle Wetter. In den ersten Wochen habe ich mich sehr fremd in der neuen Umgebung gefühlt. Trotz der Bemühungen meiner Gasteltern brauchte ich einige Zeit, bis ich mich ein wenig „Zuhause fühlen“ konnte.
Mit der Zeit wurde das Verhältnis zwischen meiner Gastfamilie und mir erstaunlich gut. Ich hatte das große Glück, dass man mir mit viel Vertrauen, Fürsorge und dennoch Freiheiten begegnete. Die Harmonie stimmte einfach, was meinen Aufenthalt nicht nur angenehm, sondern großartig machte.
Mein alltäglicher Schultag unterschied sich sehr von dem, den ich sonst gewohnt war. Es gab viel mehr Auswahl an Fächern und ich hatte die Möglichkeit, mich viel stärker auch in kreativen Bereichen wie Musik, Kunst, Mode, Design, Fotografie etc. zu entwickeln und all das auf hohem Niveau. Ich besuchte ein halbes Jahr die 12. und ein halbes die 13. Klasse, was wirklich toll war, da zwischen den beiden Jahren ,Welten liegen‘. In der 12. Klasse trug ich eine Uniform, so wie jeder andere auf meiner Schule. Ich hatte mich an die Regeln für die Klassen 9-12 zu halten, die strenger waren als die für die 13er. Sobald ich dann zu dem Abschlussjahrgang zählte, öffneten sich mir ganz andere Türen. Ich wurde als ,Leader‘ der Schule angesehen, trug keine Uniform mehr und hat Privilegien, wie bei jeder Assembly (Vollversammlung), den Raum als Erstes verlassen zu dürfen, immer in der ersten Reihe sitzen zu dürfen oder nie in der Cafeteria warten zu müssen. Was die beiden Jahrgänge gemeinsam haben, ist der Abschlussball am Ende des Jahres, der immer eines der größten und spannendsten Ereignisse im Jahr ist.
Was meine neuseeländische Schule auch stark von meiner deutschen unterschieden hat, war, dass man seine Freizeit viel mehr innerhalb der Schule gestaltete. Wenn die Schule um 15.30h zu Ende war, ging jeder noch zum Sport oder zu Musikaktivitäten. Also wirklich raus aus der Schule ging man meistens erst gegen 19.00h. Klar, das hört sich jetzt auf den ersten Blick sehr lang an, ist es aber nicht. Der einzige Unterschied ist, dass man sich nicht nachmittags mit seinen Freunden außerhalb der Schule trifft oder zu seinem Training geht, sondern dass all das in der Schule stattfindet. Dem entsprechend sind die Schulen auch ausgestattet. Mit Vielen Feldern für Fußball, Rugby, Softball, Cricket etc., mit Hallen, einem Pool, Ton Studios, Pianos, vielen anderen Instrumenten, die jeder Schüler benutzen kann, mit Computern und vielem mehr, was man in deutschen Schulen nicht kennt. Ich habe versucht, jede Menge auszuprobieren und einfach mal was anderes zu machen. Dies kann ich nur jedem ans Herz legen, der sein Auslandsjahr zu etwas wirklich Besonderem machen möchte. Ich hab Fußball gespielt und bin unter anderem mit meinem Team eine Woche weggefahren, um dort an einem großen Turnier teilzunehmen, jeden Tag Trainingseinheiten und entscheidene Spiele zu bestreiten. Außerdem war ich im Tennis-, Squash-, Badminton- und Volleyballteam und ich habe mit meiner Drama-Klasse ein Stück aufgeführt. Ich habe versucht, mich so gut wie möglich in meine wirklich anspruchsvolle Musik Klasse einzufinden und auf deren hohem musikalischem Niveau mitzuhalten. Ich war im Gospel Chor und hab auch in meiner Freizeit einige weitere Dinge einfach mal ausprobiert, wie zum Beispiel Klettern in einem Hochseilgarten, Kayaking, Surfen oder Ski und Snowboard fahren auf einem Vulkan.
Ein solches Jahr weit weg von allen Gewohnheiten bietet einem die Chance noch einmal ganz neue Dinge auszuprobieren und man sollte diese Chance wirklich nutzen, auch wenn es einem zu Beginn vielleicht nicht ganz einfach erscheint.
Auf neue Menschen zuzugehen, die zusätzlich noch eine andere Sprache sprachen, gestaltete sich nicht immer ganz einfach. Ich habe mich zu Anfang sehr zurück gehalten aus Angst, aufdringlich zu wirken. Jetzt weiß ich, dass ich mir solche Gedanken hätte sparen sollen. Im Nachhinein hat sich gezeigt, dass die Neuseeländer sich mit den gleichen Gedanken beschäftigten. Je weniger Gedanken ich mir gemacht habe und je offener ich mich verhielt, desto mehr Menschen habe ich kennengelernt. Aus diesen Bekanntschaften haben sich Freundschaften entwickelt, die ich heute nicht mehr missen möchte und trotz der Entfernung noch immer pflege. Ein großer Teil dieser Freundschaften entstand beim Sport, durch Musik oder bei Events organisiert von der Schule.
Zusammenhängend damit empfand ich als besonders herausragend an meiner Schule, Havelock North High School, das ausgeprägte und stark gelebte Team- und Gruppengefühl und die hohe Identifikation mit der Schule. Jeder war stolz Schüler dieser Schule zu sein und hat dies auch offensiv immer wieder nach außen gezeigt. Dies zeigte sich auch darin, dass die gesamten Schüler in vier verschiedene „Häuser“ benannt nach neuseeländischen Bäumen: Rate (rot), Miro (orange), Tainui ( gelb) und Kauri (blau) aufgeteilt wurde. Jeder Schüler gehörte einem dieser Häuser an. Ich gehörte zu Miro! Im Laufe des Schuljahres standen Wettkämpfe an, bei denen die Häuser gegeneinander antraten: unter anderem kulturelle Veranstaltungen wie Chor oder das Kapa Haka (Ein Kriegstanz der einheimischen Maoris) oder sportliche Events wie Schwimmen, Leichtathletik, Fußball und vieles mehr. Bei jedem dieser Wettkämpfe haben die Häuser Punkte gesammelt, um am Ende des Jahres den ,Patu‘, eine Trophäe zu erringen und somit den internen Schulwettstreit zu gewinnen. Ein bisschen wie bei Harry Potter. Ich fand das System zunächst etwas ungewöhnlich, dann interessant und nach einer Weile habe ich richtig Spaß daran gewonnen. Neben dem starken sportlichen Engagement zeigte sich der Teamgeist auch äußerlich. Jedes Hausmitglied kleidete sich in den Hausfarben. Dabei übertrieben wir es durchaus manchmal ein wenig, was den Spaß an den Aktivitäten noch verstärkte.
In meinen drei Monate langen Sommerferien habe ich unter anderem einen organisierten einmonatigen Trip durch ganz Neuseeland gemacht. Wir sind im Norden der Nordinsel eingestiegen (Auckland) und dann einmal ganz um die beiden Inseln gereist, bis wir nach einem Monat wieder nach Auckland zurückkehrten sind. Dieser eine Monat war mit Abstand einer der eindrucksvollsten Erfahrungen, die ich bis jetzt erlebt habe. Viele weiße Sandstränden, Regenwälder, tropische Buchten, Gletscher, hohe Berge und viel Schnee, Unmengen von Wasserfällen, eindrucksvollen Geysiren und Vulkanen. Ich habe so viel gesehen, dass ich froh bin, Unmengen an Fotos gemacht zu habe, um das Eine oder Andere noch einmal in Erinnerung zu rufen. Neben all der unglaublich eindrucksvollen Natur gestaltete sich die Reise außerdem als ein großes Abenteuer. Ich war mit Delphinen schwimmen, Sandboarding, habe Bootstouren gemacht, Tubing in Schluchten, Lagerfeuer und Camping am Strand, Ausritt mit Pferden durch die fantastische Herr der Ringe-Landschaft, zahlreiche völlig entspannte Tage am Meer, Wildwasser-Rafting, Wanderungen, Canyoning, einen Skydive und vieles, vieles mehr.
Ein bisschen Angst gehört zu so einem Auslandsjahr natürlich auch: Angst vor all dem was kommt, vor dem Neuen und Ungewohnten, vor der Ungewissheit und vor all Dingen vor dem Alleinsein weit weg von allem, was man zuvor als ganz selbstverständlich wahrgenommen hat. Und ich muss sagen, dass das auch berechtigt ist. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass es von Anfang an leicht war und ich mich sofort wie Zuhause gefühlt hätte, dem war nicht so. Aber ich denke, das ist total normal und dem sollte sich jeder, der sich auf eine solche Erfahrung einlässt, bewusst sein. Außerdem kann ich im Nachhinein behaupten, dass gerade die schweren Zeiten mich besonders geprägt und weitergebracht haben. Es kostet viel Kraft und oft jeden Tag wieder Überwindung und Energie auf die vielen neuen Menschen zuzugehen und sich auf die vielen Chancen einzulassen. Aber es lohnt sich, es lohnt sich wirklich!
Mein Auslandsjahr war unglaublich wertvoll und genau das Richtige für mich zu diesem Zeitpunkt. Ich habe mir viel Mühe gegeben, immer wieder über meinen Schatten zu springen und viele Dinge auszuprobieren, nicht alles so Ernst zu nehmen, sondern Dinge einfach zu tun. Ich bin begeistert, wie gut das funktioniert hat und wie viel ich daraus hab lernen dürfen.
