USA - We loved your visit in wonderland!

von Theresa Steffestun

„We loved your visit in wonderland!“- ein Spruch, der eigentlich in einem Freizeitpark den Besuchern für ihren Aufenthalt danken soll, ist eine wunderbare Einleitung zu meinem folgenden Bericht der über mein Jahr im „Wunderland“ Amerika erzählen soll.

Dieses Jahr war geprägt von einer Fröhlichkeit, die ich so vorher noch nicht kannte und die mich weithin geprägt hat. Ich habe mich persönlich weiter entwickelt in Formen und Weisen, von denen ich manche jetzt erkenne und viele bestimmt erst im laufe der Jahre herausfinden werde. Von vielen Veränderungen, die in mir vorgegangen sind, bin ich selbst positiv überrascht.

Wenn man sich für ein Jahr in eine andere Kultur begibt, dann sollte man bereit sein, die alltäglich gewonnenen Eindrücke vorbehaltsfrei auf sich wirken zu lassen. Außerdem ist die Eigenschaft des Loslassens sehr wichtig. Denn wer unbedingt an seinen alten Prinzipien, Traditionen und Lebenseinstellungen festhalten will, der versperrt sich die kostbare Möglichkeit neue Seiten an sich zu entdecken. Viele behaupten, dass sich Austauschschüler sehr, manchmal sogar von Grund auf ändern. Ich habe eher versteckte Schätze in mir gefunden.

Nun waren es Erlebnisse wie dieses Wochenende, die mich so geprägt haben. Im Nachhinein wird oft gefordert, das ganze Jahr oder auch die Veränderungen die man durchgemacht hat, in ein, zwei Erlebnissen zu begründen oder wiederzuspiegeln. Beim Schreiben und Berichten stelle ich fest, dass es mir gar nicht möglich ist und ich auch nicht gewillt bin das ganze Jahr(!), in einem Erlebnis zusammen zuquetschen. Es war jeder Tag, jede Schulstunde, jedes Zusammensein mit Freunden oder Gastfamilie die etwas Neues bot. Natürlich wurde mit der Zeit das Leben in meinem amerikanischen zu Hause zu einer vertrauten Neuheit, aber ich wurde immer mal wieder von einer noch ungemachten Erfahrung überrascht. Das war etwas, was mir besonders gut gefallen hat.

Wie schon gesagt, waren es meine Freunde und meine amerikanische Familie, die ich schon nicht mehr GAST -familie nenne, die mein Jahr so wunderbar gemacht haben.

Meine amerikanische Mama, Linda und ich haben wie die „Faust aufs Auge“ zueinander gepasst. Wir haben so viele Gemeinsamkeiten dass wir uns immer wieder aufs Neue verdutzt ansehen müssen und dann lachen, dass die Eine die Gedanken der Anderen ausgesprochen hat. Doch es ist nie langweilig geworden, auch dank meinem amerikanischen Vater, Paul, der dem Ganzen noch ein bisschen mehr Würze gegeben hat.

Meine amerikanischen Eltern haben mir vor Augen geführt, wie man sein Leben leben und jeden Moment voll und ganz genießen kann. Sogar die Momente die nicht so schön waren, weil man dann eben doch etwas davon hat; nämlich eine interessante Erfahrung mehr Es war immer aufs Neue interessant und fröhlich. Auch hier waren es die kleinen Dinge, wie Unterhaltungen, einen gesehenen Film, ein zusammen eingenommenes Mittagessen das diese Unternehmungen ausmachten.

Diese kleinen Dinge, die für mich zu sehr Großen wurden, habe ich natürlich auch in meiner Schule, meist zusammen mit meinen Freunden, erlebt.

Ich habe in der Schule an einem Wettbewerb, an dem Schüler aus ganz Texas teilgenommen haben mitgemacht. Die Herausforderung für mich lag darin dass ich mich für das umfassendste und schwerste Fach des Wettbewerbs einschrieb. Der Bereich hieß „Literatur Criticism“ (zu deutsch Literaturkritik und -analyse) und bestand im Wesentlichen darin sich den Inhalt eines alten Romans, eines Theaterstückes, einer Gedichtreihe und die Definitionen für rund 250 Fachbegriffe der englischen Literaturanalyse und sämtliche amerikanische und englische Literatur-Zeitepochen, anzueignen. Ich wurde von der betreuenden Lehrerin in ein vier - köpfiges Team gewählt, das beim Wettbewerb starten durfte. Während der durchaus stress- und anspruchsvollen Vorbereitungsphase habe ich tolle und lehrreiche Erfahrungen und Erlebnisse mit meinen Freunden aus dem Team gehabt. Diese Freunde und auch die betreuende Lehrerin und ich sind uns in der Zeit sehr Nahe gekommen und sie gehören zu meinen besten Freunden. Wir sind schließlich bis in die zweite Runde von Dreien gekommen, eine aus dem Team hat es dann sogar in die dritte, die Landesebene geschafft.

Die Erfahrungen die ich in der Zeit mit dem Team gemacht habe gehören unter anderem zu den wertvollsten meines Jahres. Obwohl wir viele Stunden voller Heiterkeit und mit Lachen verbracht haben, habe ich in dieser Zeit das meiste und umfangreichste über englische/ amerikanische Literatur gelernt. Ich musste intensivst lernen um als Deutsche auf dem Niveau sprachbegabter Amerikaner mitzuhalten. Dies hat meinen Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und Lernweise sehr beeinflusst und verändert. Auf diese Erfahrung bin ich stolz.

Dass die Schule unter Amerikanern und somit auch den Austauschschüler zu derer Schüleridentität und zu dem Lebensgefühl während der Schulzeit zweifellos unglaublich wichtig ist, muss auch ich bestätigen.

Oft wird von außenstehenden Schülern kritisiert, dass die amerikanischen Ferien im Herbst und Winter so gut wie gar nicht existieren. Ich muss sagen, ich habe die Ferien nicht im Geringsten vermisst. Auch wenn man seinen deutschen Schulkollegen von einem Schultag in Amerika berichtet, dann sind sie zuerst mal geschockt, wenn sie von einer 4-tägigen Schulwoche mit Blockunterricht hören wo der Tag erst um vier Uhr nachmittags beendet ist. Für mich war es aber eine gute Chance, mit meinen geliebten Freunden zusammen zu sein und mit denen Schule dann doch viel mehr Spaß gemacht hat.

Meine Schule war für mich allerdings auch etwas Besonderes, weil ich viele liebenswürdige Menschen dort getroffen habe und weil sie so anders von meiner deutschen Schule ist. Meine Schule, die Manor High School, ist eine Schule, die in einem sozial eher benachteiligten Bezirk steht. Sie hat eine Schülerquote von 70% Schwarze, 20% spanisch sprechende Schüler (auch Hispanics genannt), und der Rest, 10%, Weiße. Da an meiner deutschen Schule farbige Mitschüler (leider) eher eine Seltenheit sind, war das tägliche Zusammensein mit mehreren Kulturen und Lebensphilosophien einfach spannend.

Wenn z.B. bei einer Schulfeier die zu Ehren der schwarzen Bürgerrechtler gehalten wird, plötzlich die schwarze Schülerschaft aufsteht und mit den Artisten auf der Bühne an ihrem Platz mittanzen, klatschen und laut mitsingen, dabei auch gerne einige solo-partien einlegen, und dann wiedererwarten die Schüler anderer Nationalitäten sich respektvoll verhalten, vereinzelt sogar mitmachen dann ist das interkulturelles Verständnis und -verhalten hautnah. Solche Ereignisse, die so manchem Vorurteil den Wind aus den Segeln nimmt und das Zusammenleben mit solch, mir damals noch eher unbekannten Kulturen, hat meinen Horizont erweitert und mein interkulturelles Verständnis weiter geprägt.

Ich fühle mich durch die dort gemachten Erfahrungen bereichert und die dort geschehen Veränderungen haben mich zu einem kompletteren Menschen gemacht. Ich möchte dieses Jahr nicht missen.

I just loved my visit in Wonderland!

 

Theresa Steffestun